Königliche Hoheit

Buch Königliche Hoheit

Berlin, 1909
Diese Ausgabe: Fischer Tb,


Worum es geht

Ein Lustspiel in Romanform

Vordergründig ist Königliche Hoheit ein Roman über die Anbahnung einer Ehe in großher­zoglichem Milieu. Und anders als man es sonst in der deutschen Hochlit­er­atur erwarten darf, hat die Geschichte sogar ein aus­ge­sproch­enes Happy End. Thomas Mann selbst hat Königliche Hoheit als „Versuch eines Lustspiels in Romanform“ bezeichnet. In der Tat wirken die wenigen, aber gewichtigen Di­alogszenen wie für die Bühne geschrieben und alles Dazwis­chen­liegende klingt berichthaft. Außenseitertum ist, wie im gesamten Werk von Thomas Mann, ein Hauptthema des Buches. Es ist das in ganz ver­schiede­nen Ursachen begründete, letztlich aber gemeinsame Außen­seit­er­schick­sal, das die beiden Haupt­fig­uren Klaus Heinrich und Imma verbindet. Mit ebenso köstlicher wie genauer Ironie stellt Mann die Welt des Adels im Großherzogtum am Vorabend des Ersten Weltkriegs als Aneinan­der­rei­hung morbider Ve­r­anstal­tun­gen bloß, die den Niedergang der Monarchie zu ver­schleiern suchen.

Take-aways

  • Thomas Manns zweiter Roman war, anders als Bud­den­brooks, auf Anhieb ein Erfolg.
  • Inhalt: In einem verarmten Großherzogtum übernimmt der junge Prinz Klaus Heinrich die Repräsen­ta­tion­spflichten für seinen kränklichen Bruder. Als im Land ein amerikanis­cher Milliardär mit seiner Tochter ansässig wird, verringert sich im Lauf eines Jahres die Distanz der „königlichen Hoheit“ zu dieser jungen Dame. Am Ende heiraten die beiden, und der Schwiegervater saniert mit seinem Geld den Staat.
  • Thomas Mann wollte nach eigener Aussage mit Königliche Hoheit ein „Lustspiel in Romanform“ schaffen.
  • Obwohl oberflächlich gesehen heiter-iro­nisch, ja sogar karikaturhaft, ist die Darstellung des Lebens in dem verarmten Großherzogtum sehr realistisch.
  • Königliche Hoheit ist ein stilis­tis­ches Kunstwerk, in dem Thomas Manns sprachliche Virtuosität klar zutage tritt.
  • Mann entlarvt auf ironische und dis­tanzierte Weise die Brüchigkeit der Lebens­for­men in der wil­helminis­chen Gesellschaft.
  • In der Figur des Prinzen­erziehers Dr. Überbein reflektiert Mann kritisch die damals sehr populäre Philosophie Nietzsches.
  • Als Vorbild für die spöttische Milliardärstochter Imma diente Katia Pringsheim, die Thomas Mann kurz vor Nieder­schrift des Romans heiratete.
  • Das verbindende Element der beiden Haupt­fig­uren ist ihr Außenseitertum – dies ist auch ein Hauptthema des Romans.
  • Zitat: „Das soll fortan unsre Sache sein: beides, Hoheit und Liebe, – ein strenges Glück.“
 

Zusammenfassung

Prinzenge­burt

Auf der Grimmburg, dem Stammsitz eines großher­zoglichen Hauses, kommt der zweite Sohn des regierenden Fürsten Johann Albrecht III. und seiner schönen Gemahlin Dorothea zur Welt. Der neugeborene Klaus Heinrich steht nun an zweiter Stelle hinter dem Thronfolger Albrecht, seinem sechs Jahre älteren Bruder. Die Haupt- und Res­i­den­zs­tadt des kleinen Großherzogtums befindet sich eine halbe Eisen­bahn­stunde von der Grimmburg entfernt. Die Restau­ra­tion der Burg wenige Jahre zuvor hat 1 Million Mark ver­schlun­gen. Angesichts der finanziell angeschla­ge­nen Situation des kleinen Landes war danach kein Geld mehr für den Einbau einer Zen­tral­heizung im sogenannten Alten Schloss, dem großher­zoglichen Res­i­den­zschloss in der Hauptstadt, vorhanden. Die Dynastie regiert das Land seit 15 Gen­er­a­tio­nen.

„Gekannt und doch fremd bewegt er sich unter den Leuten, geht im Gemenge und gleichsam doch von einer Leere umgeben, geht einsam dahin und trägt auf seinen schmalen Schultern die Last seiner Hoheit.“ (über Klaus Heinrich, S. 9)

Kurz nach der eigentlich glücklich verlaufenen Geburt stellt Großherzog Johann Albrecht bei dem Neuge­bore­nen eine leichte Verkürzung des linken Arms und eine Verkrüppelung der linken Hand fest. Erst durch die Erklärungen des zufällig anwesenden Kinder­arztes Dr. Sammet lässt sich der empörte Fürst beruhigen; er wollte zuerst die Leibärzte der Familie dafür ve­r­ant­wortlich machen. In der Behinderung des Neuge­bore­nen sieht er eine „Hemmung“, einen schweren Makel in Bezug auf die Ausübung des auf Repräsentation angelegten prinzlichen Berufs. Auf der Rückfahrt in die Hauptstadt erinnert der oberste Staatsmin­is­ter von Kno­bels­dorff den Fürsten an die im ganzen Land bekannte, etwa 100 Jahre alte Prophezeiung einer Zigeunerin, wonach ein „Prinz mit einer Hand“ dem Großherzogtum Glück bringen werde. In der Res­i­den­zs­tadt wird die Geburt des neuen Prinzen mit Beflaggung, Glockengeläut und Feuerwerk gefeiert.

Ein Großherzogtum in Nöten

Das kleine Großherzogtum mit etwa 1 Million Einwohnern ist ein verarmtes Land. Es gibt hauptsächlich Land- und Forstwirtschaft, aber kaum Gewerbe und Industrie. Unter dem fi­nanziellen Druck wird an den Staatswäldern bereits Raubbau betrieben, die Steuer­schraube lässt sich kaum mehr weiter anziehen. Der früher er­tra­gre­iche Sil­ber­berg­bau ist stillgelegt, hier müsste investiert und exploriert werden. Die Res­i­den­zs­tadt verfügt über Heilquellen, doch es gibt nur wenig Heil­wasserver­sand und kaum Frem­den­verkehr.

„Wer kein Interesse daran hatte, die Dinge zu beschönigen, mußte die Staats­fi­nanzen zerrüttet nennen.“ (S. 39)

Die noch bewohnten Schlösser der großher­zoglichen Familie aus ver­schiede­nen Epochen sind sehr reparaturbedürftig, die übrigen verfallen. Die Fürsten­fam­i­lie speist im Alltag nicht üppiger als ein Beamten­haushalt. Allen Per­son­alsparmaßnahmen zum Trotz – etwa dem Zusam­men­ziehen von Oberhofämtern oder der Entlassung von Büchsenspan­nern und Kon­fek­t­meis­tern – bleibt der kleine Staat hoch verschuldet. Man nimmt neue Gelder hauptsächlich auf, um ältere Verbindlichkeiten zu bedienen.

Prinzen­erziehung

Zwei Jahre nach Klaus Heinrich kommt eine Tochter, Ditlinde, zur Welt. Die beiden Kinder wachsen unter der Obhut einer streng protes­tantis­chen Pfar­rer­switwe aus der Schweiz auf. Bei ihr ist jeder Übermut verpönt, alles muss „comme il faut“ sein. Für den etwas älteren und kränklichen Bruder Albrecht war das nie ein Problem. Klaus Heinrich hingegen stöbert gele­gentlich mit seiner Schwester in verlassenen Gemächern im Alten Schloss herum und plaudert gern einmal mit den Lakaien. Sie sehen in ihm einen reinen, feinen Menschen. Von einem Schuster, der sich auf den Gängen des Schlosses verirrt hat, erfährt er allerdings, dass die Lakaien Lieferanten wie ihn schikanieren und sich bestechen lassen, um die Waren weit­erzuleiten.

„Aber Klaus Heinrich wußte wohl, daß Mama lange, sorgfältige Stunden an ihrer Schönheit gearbeitet hatte, daß ihr Lächeln und Grüßen voller Übung und Absicht war und daß ihr eigenes Herz nicht hochschlug, keineswegs, für nichts und für niemanden.“ (S. 60)

Seine Eltern sieht Klaus Heinrich selten. Der Etikette folgend spricht er mit seinem Vater, dem Fürsten, nur, wenn er von diesem etwas gefragt wird. Was seine Mutter, die Großherzogin Dorothea, betrifft, begreift er früh, dass sie sich nur für ihre Schönheit in­ter­essiert. Nach ersten Un­ter­weisun­gen durch einen Hauslehrer kommt Klaus Heinrich gemeinsam mit einem halben Dutzend gle­ichal­triger Adelsjungen in ein eigens in einem Schloss gegründetes Kn­aben­in­ter­nat. Zwei dieser Jungen stammen aus Adels­fam­i­lien, die wohlhaben­der sind als Klaus Heinrichs. Das Schloss ist eher ein einfaches Landhaus. Mit dem ihm gegenüberliegen­den Wirtsgarten ist es ein Aus­flugsziel für die Bewohner der Res­i­den­zs­tadt. Die Jungen werden von Gym­nasial­pro­fes­sor Kürtchen un­ter­richtet. Dieser verabredet mit Klaus Heinrich unter vier Augen eine unauffällige Sig­nal­sprache, die darüber Auskunft gibt, wann der Prinz im Unterricht dranzukom­men wünscht und wann nicht. So wird sichergestellt, dass Klaus Heinrich vor seinen Al­tersgenossen nicht kom­pro­mit­tiert wird. Im Hintergrund lenkt Staatsmin­is­ter von Kno­bels­dorff das gesamte Aus­bil­dung­spro­gramm.

„Aber Sie? Was sind Sie? Das ist schwieriger ... Sagen wir: ein Inbegriff, eine Art Ideal. Ein Gefäß. Eine sinnbildliche Existenz, Klaus Heinrich, und damit eine formale Existenz.“ (Dr. Überbein zu Klaus Heinrich, S. 85)

Unterstützt wird Professor Kürtchen vom jungen Hilfslehrer Dr. Raoul Überbein. Dieser stammt aus sehr einfachen Verhältnissen und hat sich ehrgeizig, zäh und fleißig vom Volkss­chullehrer zum pro­movierten Gym­nasiallehrer hochgear­beitet. Dr. Überbein wird zum Pri­va­trepeti­tor von Klaus Heinrich, der ihn wegen seiner schwärmerischen Reden bewundert. Das letzte Schuljahr verbringt Klaus Heinrich auf dem Gymnasium der Residenz. Er behält Dr. Überbein als Repetitor.

Eine Pein­lichkeit

In diesem Jahr nimmt der 17-jährige Klaus Heinrich erstmals am sogenannten Bürgerball im Rathaus teil, der tra­di­tion­s­gemäß vom Großherzog eröffnet wird. Zu fort­geschrit­tener Stunde, unter dem be­rauschen­den Einfluss von Tanz und Bowle, kommt es unter den jungen Leuten zu einem aus­ge­lasse­nen Reigen mit Anfassen an den Händen und direkter Ansprache des Prinzen ohne Titel. Schwindelnd und stolpernd landet Klaus Heinrich in äußerst lächerlicher Pose und mit einem Bowlen­deckel dekoriert auf einem Sofa. Als endlich Dr. Überbein hinzutritt, macht er dem für den Prinzen peinlichen Treiben sofort ein Ende.

„Repräsentieren, für viele stehen, indem man sich darstellt, der erhöhte und zuchtvolle Ausdruck einer Menge sein, – Repräsentieren ist selbstverständlich mehr und höher, als einfach Sein, Klaus Heinrich, – darum nennt man Sie Hoheit ...“ (Dr. Überbein zu Klaus Heinrich, S. 89)

An seinem 18. Geburtstag wird Klaus Heinrichs Volljährigkeit zeremoniell und mit allerlei Or­densver­lei­hun­gen begangen; der ihm seit seiner Geburt zustehende Titel „Großherzogliche Hoheit“ wird bekräftigt. Klaus Heinrich tritt als junger Offizier formell ins Heer ein und besucht dann für ein Jahr eine der beiden Universitäten des Landes, nach wie vor unter dem Tutorat von Dr. Überbein. Daran schließt sich eine Bil­dungsreise durch Europa an. Klaus Heinrich hat inzwischen auch einen Adjutanten und einen Kam­mer­di­ener.

Der Repräsen­ta­tion­sprinz

Im Winter stirbt Großherzog Johann Albrecht III. Aus seinem Win­terquartier an der Riviera reist Klaus Heinrichs Bruder an, um als Albrecht II. die Nachfolge anzutreten. Wegen seiner schwachen Gesundheit hat der überaus ho­heitsvolle und men­schen­scheue Albrecht schon seit vielen Jahren die Winter am Mittelmeer verbracht. Klaus Heinrich bezieht das kleine Empire-Schlösschen Eremitage am Stadtrand, das lange leer stand, als Wohnsitz. Ditlinde verheiratet sich glücklich mit dem geschäftstüchtigen und wohlhaben­den, aber keine Lan­deshoheit mehr besitzenden Fürsten zu Ried-Ho­hen­ried.

„Er eröffnete als Vertreter seines Bruders den Landtag, nahm aber keinen Anteil an den Vorgängen dortselbst und vermied jedes Ja und Nein im Zwiespalt der Parteien, – un­entsch­ieden und ohne Überzeu­gungswärme wie einer, dessen An­gele­gen­heit höher ist, als alles Parteiwesen.“ (über Klaus Heinrich, S. 172)

Anlässlich einer Teestunde der drei großher­zoglichen Geschwister bittet der leidende Albrecht seinen jüngeren Bruder, fortan die alltäglichen Repräsen­ta­tion­spflichten für ihn zu übernehmen. Dafür bekommt er extra den Titel „Königliche Hoheit“ verliehen. Von nun an besteht Klaus Heinrichs Leben aus der Teilnahme an Hoffestlichkeiten, Konzerten, Theateraufführungen, Denkmalenthüllungen, Jagden, Preisver­lei­hun­gen, Ausstel­lungseröffnungen, Turn­er­festen, Fis­cherta­gen, Preisschießen und Freiau­dien­zen. Er hat längst gelernt, den linken Arm geschickt in die Hüfte zu stemmen und sich seitwärts zu drehen. Beim Volk ist er beliebt. Wie er es von Dr. Überbein gelernt hat, tritt er mit viel Würde auf.

Die Milliardärstochter

Bereits während der Teestunde bei Ditlinde war die Rede auf das Gerücht von dem bevorste­hen­den Besuch des deutschstämmigen amerikanis­chen Milliardärserben Samuel Spoelmann und seiner Tochter Imma gekommen. Der schwer nierenkranke Spoelmann möchte in der Res­i­den­zs­tadt eine Heilkur machen. Vater und Tochter reisen mit ihrem Gefolge in einem Extrazug an. Die 19-jährige Imma Spoelmann hat eine Gesellschafts­dame, Gräfin Löwenjoul, als Begleitung. Während ihres ersten, sechswöchigen Ku­raufen­thalts verlassen die Spoelmanns das Hotel nur, um zur Heilquelle zu gehen und aus dem Brunnen zu trinken.

„Eine Erinnerung beschäftigte ihn (...), eine alte, peinvolle Erinnerung, die den Büfettraum des ,Bürgergartens‘ zum Schauplatz hatte und mit einem Bowlen­deckel endigte ... ,Kleine Schwester!‘ sagte er bei sich selbst (...) – Hauptsächlich aber sann er darauf, wie das Zusam­men­sein mit Imma Spoelmann in kürzester Frist zu erneuern sei.“ (über Klaus Heinrich, S. 269 f.)

Ein halbes Jahr später verbreitet sich das Gerücht, der steinreiche Spoelmann wolle das kleine, unbewohnte Schloss Del­phi­nenort am Stadtrand aus dem Besitz der großher­zoglichen Familie erwerben. Das Gerücht entspricht der Wahrheit. Spoelmann lässt Del­phi­nenort in kürzester Zeit baulich sanieren und für sich und seine Tochter bequem einrichten. Imma Spoelmann beginnt, Math­e­matik-Vor­lesun­gen an der Universität der Res­i­den­zs­tadt zu besuchen. Auf dem Weg dorthin drängt sie sich einmal in großer Eile etwas dreist mitten durch das zur Wachablösung vor dem Schloss aufziehende Wach­batail­lon. Der Vorgang wird auch von Klaus Heinrich beobachtet, der sich zufällig gerade bei Of­fizier­skol­le­gen in der Wachstube aufhält. Er sieht Imma einige Tage später in einer Loge im Hoftheater wieder, während einer Aufführung der Zauberflöte.

„Denn die öffentliche Wohlfahrt, sehen Sie, und unser Glück, die bedingen sich gegenseitig.“ (Klaus Heinrich zu Imma, S. 340)

Von Dr. Überbein, der mit dem Kinderarzt Dr. Sammet befreundet ist, erfährt Klaus Heinrich, dass Imma Spoelmann das örtliche Kinder­spi­tal besichtigen wird, da sie aus ihrem eigenen Vermögen 10 000 Mark dafür gespendet hat. Sammet ist inzwischen Leiter dieses Spitals. Klaus Heinrich meldet sich für den gleichen Vormittag zur Besich­ti­gung an. So begegnen sich die beiden zum ersten Mal in einer Weise, dass sie einander vorgestellt werden. Der Prinz wundert sich über die Art der jungen Dame, schnip­pis­che und ironische Bemerkungen zu machen.

Prinzenbe­suche in Del­phi­nenort

Einer Einladung zum Tee bei Spoelmanns kommt Klaus Heinrich sehr bald nach. Er lernt auch Immas Vater kennen, der dem Prinzen offen ins Gesicht sagt, dass er von dessen Beruf nichts hält. Spoelmanns Vater hat als deutscher Auswanderer in Amerika durch einen enormen Goldfund den Grundstein für ein Riesenvermögen gelegt, das Sam Spoelmann nun verwaltet. Er hat massiv in Kohle, Stahl und Eisenbahnen investiert, ist ein maßgeblicher Lenker großer In­dus­tri­etrusts, ist aber auch angefeindet in Amerika. Deswegen macht er sich im Alter wieder in der Alten Welt ansässig. Sein persönliches Interesse gilt dem Orgelspiel und seiner Kun­st­samm­lung von Gläsern.

„,Kleine Schwester‘, hatte er mit ruhiger Miene gesagt und sie im Tanze ein wenig fester an sich gezogen. ,Kleine Braut ...‘ Und das war in der Tat ein Sonderfall von Ver­lobungs­ge­spräch gewesen.“ (über Klaus Heinrich und Imma, S. 341)

Bei Klaus Heinrichs Besuchen ist Sam Spoelmann nur manchmal zugegen. Stets anwesend, aber oftmals geistig vollkommen woanders ist die Gräfin Löwenjoul, die ein schweres Schicksal, ausgelöst durch einen gewalttätigen Ehemann, hinter sich hat. Zu den Besuchen gesellen sich gemeinsame Ausritte und Ausflüge, die der Prinz in immer kürzer werdenden Abständen wiederholt. Da Spoelmanns Vater in Bolivia geheiratet hat, hat die schwarzhaarige Imma, wie der Prinz erfährt, ein wenig „In­di­anerblut“ in den Adern. In Amerika ist dies ein Grund, selbst einen schw­er­re­ichen Mann wie Spoelmann und seine „farbige“ Tochter vom gesellschaftlichen Verkehr auszuschließen. In dieser Sonderrolle, die ihm wie ihr zukam, erkennt Klaus Heinrich etwas Geschwis­ter­liches.

Die Erfüllung der Prophezeiung

Ohne dass Klaus Heinrich davon Notiz genommen hätte, haben der Hof, die Presse und die Bevölkerung der Res­i­den­zs­tadt diese Annäherung durchaus bemerkt. Staatsmin­is­ter Kno­bels­dorff hält dem Prinzen bei einer langen Unterredung den Zustand des Landes und des Staates und ins­beson­dere der Staats­fi­nanzen ein­dringlich vor Augen und ermuntert ihn, Imma zum anstehenden Hofball einzuladen, damit sie im ersten Rang bei Hof vorgestellt werde.

„Samuel Spoelmann aber, von seiner Seite, bewilligte dem Staat eine Anleihe von drei­hun­der­tundfünfzig Millionen Mark – und zwar unter Bedingungen so väterlicher Art, daß dieses Darlehen fast alle Merkmale einer Schenkung trug.“ (S. 349)

Klaus Heinrich vertieft sich nun umgehend in Studien der Fi­nanzwirtschaft – bald auch gemeinsam mit der math­e­ma­tisch gebildeten Imma. Sie gewinnt nun sehr viel Respekt für den Prinzen. Auf den Hofball folgt die Verlobung mit Immas Erhebung in den Fürstenstand und später die Vermählung. Spoelmann übernimmt mehr als die Hälfte der Staatss­chulden. Das Großherzogtum blüht auf – wie der wunderschöne, aber leider nach Moder duftende Rosenstock im Burghof, der nun in eine andere Umgebung verpflanzt wird.

Zum Text

Aufbau und Stil

Königliche Hoheit ist ein Roman in zehn Kapiteln von sehr un­ter­schiedlicher Länge. Das erste, mit dem Titel „Vorspiel“, ist nur drei Seiten lang. Mehr als 100 Seiten umfasst dagegen das längste Kapitel („Imma“), in dem die Begeben­heiten seit der Ankunft der Spoelmanns in der Res­i­den­zs­tadt bis zu der ver­traulichen Verlobung von Klaus Heinrich und Imma ziemlich genau ein Jahr später geschildert werden. Dieses Kapitel enthält die entschei­dende Wende im Leben der Hauptfigur Klaus Heinrich. Die Kapitel davor schildern seine Kindheit und Jugend mit besonderem Augenmerk auf seiner Erziehung und seinem Dasein als Prinz. In den beiden Kapiteln danach wird über die Hochzeitsvor­bere­itun­gen und die Hochzeit selbst berichtet. Auffallend ist Thomas Manns blendende Sprachkunst, seine gewählte Aus­druck­sweise, die bisweilen enorm ver­schlun­genen, aber immer klaren Sätze, sein überaus ironischer Ton und seine sprachliche Musikalität. Der Erzähler ist stets sehr präsent, manchmal tritt er – als „wir“ – sogar kurz in Erscheinung. Die Figuren gewinnen darum nie viel Eigenleben. Die Di­alogszenen in Königliche Hoheit kann man fast an einer Hand abzählen. Sie lesen sich wie geschlif­f­ene Dialoge im Theater.

In­ter­pre­ta­tion­sansätze

  • 1909 erschienen, also noch vor dem Ersten Weltkrieg, schildert das Buch die schon sehr brüchige und offenbar dem Untergang geweihte Kon­struk­tion der deutschen Kle­in­staaten. Nichts ist mehr heil: die schlos­sar­ti­gen Gebäude, die Staats­fi­nanzen, die linke Hand des Pro­tag­o­nis­ten (die dieser übrigens mit Kaiser Wilhelm II. gemein hat).
  • Thomas Mann zeichnet diese Welt als eine Scheinwelt. Alle Figuren rund um das Fürstenhaus bemühen sich hauptsächlich und ganz bewusst, den Schein zu wahren. Erst in der Begegnung mit den Spoelmanns wird die Scheinwelt des Fürstenhofs gnadenlos bloßgelegt.
  • Der Roman enthält viele au­to­bi­ografis­che Bezüge, ins­beson­dere zu der Ehean­bah­nung zwischen Thomas Mann und der schnip­pis­chen Katia Pringsheim.
  • Die gesellschaftliche Isoliertheit sowohl von Klaus Heinrich wie von Imma, ihre Außen­seit­er­stel­lung, ist ihre Gemein­samkeit, ihre Wahlver­wandtschaft. Das Thema des Fürsten als Außenseiter kann als Variante des bei Thomas Mann immer wieder vork­om­menden Themas des Künstlers als Außenseiter gelesen werden.
  • Dr. Überbein ist ein wil­helminis­cher Pädagoge, der einer Vorstellung vom Übermenschen und von Hoheit huldigt, die der Philosophie Nietzsches entspringt. Er betont die Gegensätze von Form, Haltung und Hoheit gegenüber Un­mit­tel­barkeit, Gemütlichkeit, Populärem und auch dem Liebesgefühl und erklärt diese Gegensätze letztlich für unvereinbar.
  • Klaus Heinrich hat dieselben An­fangs­buch­staben wie „Königliche Hoheit“. Nicht nur in solchen Sprach­spiel­ereien, sondern auch durch symbolhafte Bezüge, drollige Namen von Neben­fig­uren und einen generell ironischen Ton zeigt sich Thomas Manns sehr bewusster Umgang mit der Sprache. Unterstützend wirkt dabei zusätzlich die für alle seine Romane typische, iro­nisch-dis­tanzierte Erzählweise einer Hauptfigur, deren Hauptcharak­ter­is­tikum ho­heitsvolle Distanz ist.

His­torischer Hintergrund

Das Deutsche Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg

Nach dem Krieg Deutsch­lands gegen Frankreich 1870/71 wurde das Deutsche Kaiserreich gegründet, maßgeblich auf Betreiben von Re­ich­skan­zler Otto von Bismarck. Das Reich war eine kon­sti­tu­tionelle Monarchie und zugleich ein Bundesstaat: Neben den drei Hansestädten gab es 25 Bun­des­glieder. Das mit Abstand größte Bundesland war das Königreich Preußen mit 25 Millionen Einwohnern, gefolgt vom Königreich Bayern mit fast 5 Millionen und vom Königreich Sachsen mit 2,5 Millionen Einwohnern (alle Ein­wohn­erzahlen von 1871). Zudem gab es sechs Großherzogtümer, fünf Herzogtümer und sieben Fürstentümer. Der nach Einwohnern kleinste Gliedstaat des Deutschen Reichs war das Fürstentum Schaum­burg-Lippe mit gerade einmal 30 000 Einwohnern. Da die Re­ich­spoli­tik hauptsächlich von Kaiser Wilhelm II. selbst und vom Re­ich­skan­zler geleitet wurde, hatten die Landesfürsten vom Großherzog bis zum einfachen Fürsten keine ausgeprägten Regierungskom­pe­ten­zen mehr. Sie waren eher auf Verwaltung, Gerichts­barkeit, Steuerwesen, Bil­dungswe­sen und auf das Zer­e­monielle beschränkt.

In der Wil­helminis­chen Ära erlebte das Reich einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung. Deutschland wurde zum führenden In­dus­trieland und überflügelte Großbritannien. Daran hatten auch manche der kleineren Bundesländer ihren Anteil. Im Großherzogtum Sach­sen-Weimar-Eise­nach beispiel­sweise gab es Weltmarktführer der Glas- und feinop­tis­chen Industrie (Schott und Carl Zeiss) sowie reichlich Tex­tilin­dus­trie. In Eisenach entstand 1898 sogar ein Au­to­mo­bil­w­erk. Auch die Großherzogtümer Baden und Hes­sen-Darm­stadt wurden im Lauf des 19. Jahrhun­derts in­dus­tri­al­isiert.

Andere, vor allem die kleineren, bevölkerungs- und rohstof­far­men Länder blieben agrarisch geprägt und somit im ökonomischen Sinn rückständig. Wenn hier einige reiche Adels­fam­i­lien über großen Grundbesitz verfügten, fiel das im Hinblick auf die Sozial­struk­tur besonders ins Gewicht. Als regierende Häuser waren indes viele deutsche Fürsten eng verwandt mit dem europäischen Hochadel und selbst mit den Königs- und Kaiserhäusern Englands und Russlands. Dazu zählten namentlich Württemberg und Hes­sen-Darm­stadt, aber auch Sach­sen-Coburg-Gotha oder Sach­sen-Meini­gen. Das entsprechende aris­tokratis­che Standes­be­wusst­sein stand dann bisweilen im krassen Gegensatz zu der Bedeutung des regierten Ter­ri­to­ri­ums.

Am Ende des Ersten Weltkriegs stürzten dann allerdings sämtliche Throne. Die monar­chis­che Regierungs­form in Deutschland wurde von der re­pub­likanisch-par­la­men­tarischen Staatsform abgelöst.

Entstehung

Königliche Hoheit war nach Bud­den­brooks der zweite Roman von Thomas Mann. Der später weltberühmte Erstling war 1901 erschienen und 1903, als Mann mit der Planung für Königliche Hoheit begann, noch nicht zum Welterfolg geworden. Die erste, zweibändige Ausgabe war in einer Auflage von 1000 Exemplaren erschienen und verkaufte sich nicht gut. Erst ab 1903 begann Thomas Manns Ruhm und Erfolg mit einer einbändigen Ausgabe allmählich zu wachsen. In dieser Zeit lernte er Katia Pringsheim kennen, die Tochter eines sehr wohlhaben­den, jüdischstämmigen Münchner Math­e­matikpro­fes­sors. Er heiratete sie 1905. Die junge Katia Mann gilt als Vorbild für die Romanfigur der Imma. Das Ro­man­manuskript entstand mit vielen Umar­beitun­gen zwischen 1905 und dem Frühjahr 1909. Es erschien zuerst in der lit­er­arischen Zeitschrift Neue Rundschau des S. Fischer Verlags und im Herbst des gleichen Jahres auch in Buchform in diesem Verlag.

Wirkungs­geschichte

Anders als Bud­den­brooks war Königliche Hoheit von Anfang an ein großer kom­merzieller Erfolg für Thomas Mann. Nach zwei Jahren wurde bereits die 30. Auflage gedruckt. Weniger euphorisch als das Publikum waren die Kritiker. Sie störten sich hauptsächlich am Happy End, der auf den ersten Blick zu romantisch wirkenden Fürsten­hochzeit, und außerdem an den als übertrieben karikaturhaft wirkenden Na­mensge­bun­gen der zahlreichen Neben­fig­uren. Manchen erschien das Buch auch zu op­eretten­haft – ein Urteil, dem andere mit Hinweis auf den vielfältigen, oftmals sehr genauen Realitätsbezug des Romans wider­sprachen. Heute steht Königliche Hoheit ein wenig im Schatten der um­fan­gre­ichen Großromane von Thomas Mann, wie Doktor Faustus oder Der Zauberberg. Auch in­ter­na­tional ist Königliche Hoheit im Gegensatz zu den Hauptwerken Manns wenig bekannt. 1953 entstand die bisher einzige Verfilmung mit Dieter Borsche und Ruth Leuwerik in den Hauptrollen.

Über den Autor

Thomas Mann wird am 6. Juni 1875 in Lübeck geboren. Er ist der zweite Sohn einer großbürgerlichen Kauf­manns­fam­i­lie, sein älterer Bruder Heinrich wird ebenfalls Schrift­steller. Thomas hasst die Schule und verlässt das Gymnasium ohne Abitur. Nach dem Tod des Vaters zieht die Familie 1894 nach München, dort arbeitet Mann kurzfristig als Volontär bei einer Feuerver­sicherung. Als er mit 21 Jahren volljährig ist und aus dem Erbe des Vaters genug Geld zum Leben erhält, beschließt er, freier Schrift­steller zu werden. Er reist mit Heinrich nach Italien, arbeitet in der Redaktion der Satirezeitschrift Sim­pli­cis­simus und schreibt an seinem ersten Roman Bud­den­brooks, der 1901 erscheint und ihn sofort berühmt macht. Der Lit­er­aturnobel­preis, den er 1929 erhält, beruht vor allem auf diesem ersten Buch – Mann, nicht uneitel, erwartet die Ausze­ich­nung allerdings schon 1927. Trotz seiner ho­mo­ero­tis­chen Neigungen heiratet er 1905 die reiche Jüdin Katia Pringsheim. Sie haben sechs Kinder, darunter Klaus, Erika und Golo Mann, die ebenfalls als Schrift­steller bekannt werden. Weil Thomas den Ersten Weltkrieg zunächst befürwortet, kommt es zwischen ihm und seinem Bruder Heinrich zum Bruch, der mehrere Jahre andauert. 1912 erscheint die Novelle Der Tod in Venedig, 1924 der Roman Der Zauberberg. In den 1930er-Jahren gerät er ins Visier der Na­tion­al­sozial­is­ten, gegen die er sich in öffentlichen Reden ausspricht; seine Schriften werden verboten. Nach der Machter­grei­fung Hitlers kehrt er von einer Vor­tragsreise nicht mehr nach Deutschland zurück. Zunächst leben die Manns in der Schweiz, 1938 emigrieren sie in die USA, 1944 nimmt Mann die amerikanis­che Staatsbürgerschaft an. 1947 erscheint Doktor Faustus, eine lit­er­arische Au­seinan­der­set­zung mit der Naz­i­herrschaft. Nach dem Krieg besucht Thomas Mann Deutschland nur noch sporadisch; die von ihm vertretene Kollek­tivschuldthese verschafft ihm nicht nur Anhänger. Als die Manns 1952 nach Europa zurückkehren, gehen sie wieder in die Schweiz. Thomas Mann stirbt am 12. August 1955 in Zürich.